Vom 21.07.2015 -- Christina Weise
Im Schatten von Rio

Die Metrotür schließt automatisch hinter mir, vor mir sind unzählige Menschen. Ich bin auf dem Weg nach Queimados in der Peripherie von Rio. Hier besuche ich das Bürgerradio „Novos Rumos“.

Dieser Sender ist, wie die meisten anderen Bürgerradios in Brasilien, klein, hat wenig Geld und kämpfte lange um eine Sendegenehmigung und gegen die „großen Medienanstalten“.  Nach langen Recherchen vor Ort und Gesprächen mit Radioaktivisten und Wissenschaftlern wurde mir der Sender als positives Beispiel genannt. Er hat vor einigen Jahren eine Sendelizenz erhalten und in seiner Region unheimlich viele Hörer. Das Radio wurde vor Jahren von Bewohnern aus Queimados gegründet, weil die großen Medien aus Rio ihnen zu wenig über ihre Region und ihre Mitmenschen berichteten – und wenn, dann nur „von oben herab“, wie sie mir später erzählen werden.

Aber erst einmal muss ich den Bus nach Queimados finden. Also kämpfe ich mich durch die Menschen, die an mir vorbeihetzen. Tausend Augen starren mich verwundert an. Einige Stirnen runzeln sich fragend bei meinem Anblick. Ich falle auf. Ich bin die einzige Weiße und gehe in die „falsche“ Richtung. Die anderen kommen mit den Bussen aus der Peripherie und laufen zur Metro, die sie in die reicheren Viertel Rios bringt, dorthin, wo sie arbeiten. Um diese Uhrzeit fährt scheinbar niemand in die andere Richtung. Als ich mich nach dem Weg zum Bus nach Queimados erkundige, fragt mich die Dame im Gegenzug, ob ich mir sicher sei, dass ich dorthin möchte. Zum Abschied ruft sie mir „Pass auf dich auf!“ hinterher.

Die Hügel hinter Metrostation und Busbahnhof sind übersät von kleinen löchrigen Steinhäusern mit Wellblechdächern. Am Straßenrand stehen Menschen hinter klapprigen Tischchen und bieten ihre Waren an: alte Handys, gebrauchte Kleidung, Krimskrams. Dazwischen strecken Bettler mir ihre Hand entgegen. Ständig werde ich von vorbeiflitzenden Passanten vom Bürgersteig gedrängt. Ein einziges Chaos. Ganz ungewöhnlich für Rio, ist nirgendwo Polizei zu sehen. Aber hier sind auch keine Touristen. Frauen umklammern ihre Taschen. Gut, dass ich nur eine fleckige und löchrige Stofftasche dabei habe – darin vermutet niemand Handy,  Aufnahmegerät und Kamera.

Die Region Baixada Fluminense, in der mein Ziel Queimados liegt, wurde mir als bitterarm beschrieben. Doch schon auf dem Weg dorthin bin ich von Armut umgeben.

Wie eine Außerirdische

Der alte Linienbus ist das einzige Verkehrsmittel, das nach Queimados fährt. Er braucht über eine Stunde. Die Straße vor uns ist frei, in der entgegengesetzten Richtung ist Stau. Rechts und links von mir kriechen die Armenviertel die Hügel hoch. Der Übergang von Rio in die Baixada ist fließend, nur gekennzeichnet durch die wachsende Armut. Kaum vorstellbar, wie viele Menschen hier leben – und doch vergessen, im Schatten der Metropole.

Je näher wir nach Queimados kommen, desto schlechter werden die Straßen: Löcher, riesige Pfützen, wenig Teer. Wir haben die Schnellstraße verlassen. In Queimados mischen sich Pferdekarren unter den Verkehr. Die meisten Viertel sehen aus wie die Armenviertel in Rio. Am Busbahnhof herrscht reges Treiben. Es ist Markttag. Wieder bin ich die einzige Weiße. Wieder werde ich angestarrt, wie eine Außerirdische. „Was will sie hier?“, höre ich zwei Frauen neben mir flüstern.

Ich habe das Gefühl weiß zu leuchten. Es ist komisch, von jedem so direkt angestarrt und gemustert zu werden. Das bin ich aus Deutschland nicht gewohnt, da kann ich unbeobachtet an einer Bushaltstelle stehen. Hier überlege ich mir jede Bewegung, jeden Blick. Und fühle mich trotzdem so unsicher und schutzlos. Würden sie mir helfen, wenn mich jemand überfällt?
Dann kommt das Auto, das mich zum Radio bringt. Die Fahrt dauert nur fünf Minuten, das kleine Haus des Senders ist auf der anderen Seite des Bahnhofs. Aber zu Fuß durfte ich nicht gehen, das wäre zu gefährlich gewesen.

Mehr über das Bürgerradio und meinen Besuch dort erfahrt ihr im Feature für Blickpunkt Lateinamerika.