Vom 14.06.2015 -- Katharina Behmer
Wochenend-Analphabetismus

Izma sitzt in dem mit Teppichen und Tüchern verhangenen Zelt und summt ein Liedchen während Gogol in der Ecke auf seiner Gitarre vor sich hin zupft. Sie sind Sumpfbären. Und Sumpfbären lassen es gerne etwas ruhiger angehen. Schließlich ist Siesta. Der kleine Gong auf dem Götteraltar hat die Mittagsruhe gerade angekündigt. Später, ja vielleicht später, wenn die Sonne nicht mehr so heiß vom Himmel brennt und die Heereswache ihre vorletzte Runde durch die Stadt dreht, wird Izma auf den Marktplatz gehen. Zu den Gauklern und Gladiatoren in die Arena. Für den Abend ist auch noch ein Ritual zu Ehren von Aqua angesetzt. Ein Blutschwur auf den großen Connorson. Und Izma hat dem Großkönig der Bracar Keltoi ihre Treue zugesichert. Versprochen ist versprochen. So ein mündlicher Schwur das geht. Einen Vertrag unterzeichnen würde sie allerdings nie: Izma kann weder lesen noch schreiben – das kümmert sie allerdings auch nicht groß.

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Foto: Sumpfbären - e Mungribarabal

Geschichtsjournalismus. Ein tolles Wort. Ein Neologismus mit schönem Schein: Journalist darf sich jeder nennen. So wie Tätowierer oder Motivationscoach. Auch Geschichte ist ein dehnbarer Begriff: Irgendwie ist ja alles, was schon länger als der Frühstückskaffee zurück liegt Teil davon. Also bin ich irgendwie Geschichtsjournalistin. Ganz ohne Studium. Ab und an verirrt sich trotzdem ein Artikel von mir in die Druckausgabe von G/Geschichte. Denn seit Oktober 2014 volontiere ich bei dieser Zeitschrift. Schreiben, Redigieren, Factchecking und Korrekturlesen sind hier meine täglichen Aufgaben.

Izma und ich sind ein und dieselbe Person. Am Wochenende bin ich nicht mehr Kiki, die Volontärin.
Sondern schlüpfe in die Rolle des Nomadenmädchens vom Stamm der Sumpfbären. Dann male ich mir bunte Punkte und Streifen ins Gesicht und tauche ab in eine mittelalterliche Wunderwelt. Ich bin dort Hellseherin, Händlerin und Handwerkerin - ich bin wer immer ich sein will.
Foto: Sumpfbären - e Mungribarabal

Das ist Live-Action-Roleplay – kurz LARP. Wir sind die Nerds die sich verkleidet im Wald treffen und gegenseitig mit Latex-Waffen verprügeln. Alles ist ein großes Spiel: Auf sogenannten Conventions treffen sich bis zu 9000 erwachsene Menschen, um eine frei erfundene Gesellschaft darzustellen. Quasi eine Mischung aus Improvisations-Theater und lebendiger Geschichte. Die Themen solcher Veranstaltungen reichen von Endzeit-Zombieapokalypse über Steinzeitfamilie bis hin zu Mittelalterszenarien.
                              Foto: Bracar Keltoi
Das ist meine favorisierte Art von LARP: Ritter, Burgen und Bier aus dem Horn. Im Gegensatz zu meinen Geschichtsartikeln ist hier die historische Exaktheit Nebensache: So laufen einem schon mal Orks oder Elfen über den Weg. Die Zigarette darf auch mit „Taschendrachen“ angezündet werden. Dem Feuerzeug. Und alles was nicht näher erklärbar ist, muss wohl irgendwie „magisch“ sein: LED-Kerzen zum Beispiel. Moderne Technik ist trotz des großen Fantasy-Anteils bei uns  verpönt. Den Laien erkennt man zum Beispiel schnell an dem modernen Schuhwerk.

Izma ist meist barfuß. Izma ist oft schmutzig. Warum will ich dieses Mädchen sein? Sie ist vorlaut, frech und ungestüm. Aber Izma erlaubt mir auch mal andere Wesenszüge auszuprobieren. Sie ist feige und faul. Bauernschlau und Analphabetin. Vor kurzem wurde mir angeboten auf einer Convention für eine Zeitung der Siedlung zu schreiben. Bild der Stadt. Immerhin sei ich ja die perfekte Kandidatin – ich bin schließlich Geschichtsjournalistin. Izma nicht. Und das ist auch gut so – Ich habe abgelehnt.

Izma schreibt Geschichte, aber auf eine andere Art als ich. Und dafür braucht sie keine Buchstaben.