Vom 27.01.2016 -- Milena Furman
Warum es ok ist, „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ zu gucken

In Deutschland ist erneut das Dschungelfieber ausgebrochen. Und wieder versammelt sich beinah die gesamte Nation, was natürlich niemand freiwillig zugeben würde, vor den Heimkinos und schaut zu, wie exzellente X-, Y- und Z-Promis unter dem Titel „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ dezent um Aufmerksamkeit buhlen. Dann wird aufgezählt, was man so im Star-Leben alles schon erreicht hat: vierter Platz von der gefühlt 1000. Staffel "Germany's Next Topmodel", renommierter Schauspieler einer RTL-II-Vorvorvorabendserie, Moderator einer Shoppingsendung, die irgendwann nachts auf irgendeinem Spartenkanal läuft. Oder mit wem man mal zusammen war. Oder wie oft man sich welche Körperteile hat erneuern lassen. Oder in welcher Disse man schon mal als Dorfstar-DJ aufgelegt hat. Wirklich beeindruckend.Alltag im Dschungel

Viel beeindruckender aber ist  folgende Tatsache: Fernsehdeutschland ist sprachlos und erbost über die Niveaulosigkeit dieser Sendung, gleichzeitig können sich ihr aber nur wenige entziehen. Mich eingeschlossen. Eine katholische Radiovolontärin, die Theologie studiert hat, für die Ethik und Moral nicht nur Fachbegriffe aus Wikipedia sind und die sich damit brüstet eine kompetente und seriöse Journalistin zu sein, für die der Mensch hinter der Story wichtiger ist, als die Geschichte selbst. Und ich sitze nun, seit der erneuten Bevölkerung des Base Camps, jeden Abend auf meinem gemütlichen Sofa und beobachte mit einer Mischung aus Schadenfreude, Faszination und ein wenig Fremdschämen das Geschehen im australischen Dschungel. Immer parat: mein Smartphone. Im Sekundentakt wird mit einer Freundin via WhatsApp jede Handlung, jeder Satz, jede Träne erbarmungslos kommentiert, beurteilt und zerrissen. Via Twitter unter #ibes bombardiere ich auch die restliche Welt mit meinem überaus wichtigen Gedankengut.

Plötzlich ist es da: das schlechte Gewissen

Und dann ist es passiert: Ich twitterte einen ziemlich grenzwertigen Kommentar über den wirklich fragwürdigen Gesundheitszustand von Quotensenior Rolf Zacher und fühlte mich richtig, richtig cool dabei. Eine Minute später hatte ich den Tweet wieder gelöscht. Prompt und völlig unerwartet hatte mein Gewissen zugeschlagen. Eben noch hab ich mich über die Krokodils-Tränen von der fleischgewordenen Monotonie und Möchtegern-Anwältin Helena Fürst genüsslich kaputt gelacht, weil sie zum vierten Mal in Folge in die Dschungelprüfung gewählt wurde und jetzt sitze ich da und frage mich, wie ich mir solche Sendungen überhaupt anschauen kann.

Helena Fürst mit fescher Flechtfrisur und erfrischendem LammhirncocktailEine Sendung, in der Menschen in despektierlichen Situationen dargestellt werden. Sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit in einem Scheißhaus erleichtern müssen, zwar geschützt durch einen Vorhang und bedauerlicherweise ohne Kamera, aber dafür immerhin mit einem Mikro ausgestattet. Eine Sendung, in der Menschen ihren größten Ängsten, wie Spinnen, Enge, Grammatik begegnen und nicht selten erbärmlich scheitern, während die Öffentlichkeit über diese Misserfolge auch noch triumphiert. Warum?

Ein moderner Gladiatorenkampf

Und dann gibt mir ausgerechnet die Anwältin der Armen, Helena Fürst die monotone Antwort darauf, als sie sich mit Kampfmaschine Thorsten Legat anlegt, der sich gerade fünf Entenfußschwimmhäute, zehn Würmer und gefühlt 30 Kakerlaken oral zugeführt hat und behauptet, er hätte das für seine Kinder getan: „Das glaubst du doch wohl selber nicht! Wir haben einen Vertrag. Wir kriegen Geld dafür, dass wir hier sind. Wir machen das, um Publicity zu bekommen!“, plärrt sie ihm entgegen. So ist es! Überrascht und zum ersten Mal richtig beeindruckt über so viel Selbstreflexion muss ich der Dame mit der feschen Flechtfrisur Recht geben. Ein Snack für zwischendurch: Würmer der Saison

Sie haben sich freiwillig in dieses Spektakel geworfen. Ein moderner Gladiatorenkampf, in dem der Zuschauer, wie früher im antiken Rom, über Leben und Tod entscheiden darf: Hast du dich tapfer geschlagen, dein Rattenschwanzsüppchen mit Kuhzitzen garniert brav ausgeschlürft und deinen Ekel-Durst mit einem Cocktail aus pürierten Lammhirn gestillt, wirst du beim nächsten Mal verschont und darfst im Nest bleiben. Wehe dir, wenn du rumheulst, zickig bist oder, noch schlimmer, Schwäche zeigst. Dann wird wieder der kleinste Finger der Hand, der deine Nummer ins Handy tippt, zum größten Machtsymbol einer ganzen Zuschauermeute! Der kleine aber gar nicht mal so unwesentliche Unterschied zu früher: Diese Menschen, die bei Facebook unter „Person des öffentlichen Lebens“ angemeldet sind, können jederzeit gehen, wenn sie wollen. Mit einem einzigen Satz sind sie da raus. Und kriegen trotzdem noch ihr ganzes Geld. Verdient! Schließlich haben sie ja mal wieder was „geleistet“.

Zurück auf’s Sofa

Klar. Bloß, weil sie sich freiwillig in Särge voller Krabbeltiere werfen oder ihren Kopf in ein Aquarium voller Fischeingeweide tunken, begründet das noch lange nicht, dass man sich dieses moderne Drama über „Was zählt ist die Mission – UND das Geld“ anschauen muss. Aber zumindest beruhigt es Einen ein wenig, wenn man sich abends wieder mit dem Handy in der Hand aufs Sofa wirft und diese ominöse Sendung anschaltet, die natürlich niemand guckt. Niemand!