Vom 21.12.2018 -- Barbara Zeidler
Eine etwas andere Art der Leidenschaft im Rotlichtviertel
Die Kirche St. Joseph steht mitten in Hamburgs Rotlichtviertel in St. Pauli.

Volontariat, Zwischenstation Hamburg, Samstagabend, Rotlichtviertel: Eine knappe Woche bin ich jetzt in Hamburg, mache dort ein Praktikum bei der WELT, erlebe schon viel, aber es gibt immer noch jede Menge zu entdecken. Heute Abend mache ich mich in ein Viertel auf, in das ich eigentlich nicht unbedingt freiwillig gehe, aber zu einem richtigen Hamburg-Kennenlernen gehört es eben dazu.

Ich sitze in der S-Bahn. Nächster Halt: Reeperbahn. Hier riecht es nach Gras, um mich herum liegen Müllberge, ausgekippte Getränke bedecken den Boden. Ich fühle mich unwohl. Ich gehe die Treppe zur Großen Freiheit hoch. Überall blinkt Leuchtreklame: Susis Show Bar, Dollhouse, Olivias Show-Club. Irgendwie fasziniert mich diese Straße – trotz des mulmigen Gefühls. Viele junge Leute sind hier unterwegs. Sie haben Getränke in den Händen, lachen, gehen in die Clubs rein. Vor den Türen stehen Bodyguards. Vor Olivias Show-Club stehen große Männer in schillernden Kleidern. Sie laden zu einer Travestieshow ein. Aus manchen Clubs wummert der Bass, aus einem dröhnen Lieder aus den Charts. Und mitten zwischen der ganzen Party läuten plötzlich Glocken. Erst ganz zart, dann immer lauter.

Sie spielen passend zum ersten Adventswochenende "Es kommt ein Schiff geladen". Sie gehören zu einer Kirche. Eine Kirche? Hier auf der Großen Freiheit? Mitten zwischen den Stripclubs? Was für ein Kontrast. Ich gehe hinein. Der Pastor spricht gerade ein Gebet. Amen. Er wünscht allen einen schönen und geruhsamen Abend und kündigt zum Ausklang des Abends noch ein Konzert an: „Hier spielen nur die, die sensibel und leidenschaftlich spielen.“ Drei Männer treten nach vorne. Das Trio spielt skandinavische Jazz-Musik. Mit der sanften Musik sollen wir Besucher den Alltag vergessen. Wir werden eingeladen, zur Ruhe zu kommen. Um das Klavier, den Kontrabass und die Violine leuchten Kerzen. Kein Bling-Bling, nur ganz wenig Dekoration. Immer wieder legen die Musiker ihre Bögen zur Seite und zupfen auf ihren Instrumenten. Alle Kirchenbesucher sind ganz ruhig und lauschen den Klängen. Sie tragen Winterjacken und lange Hosen. Niemand sieht hier nach Party aus. Sogar eine Familie mit Kindern sitzt in den Kirchenbänken. Ob sie extra für das Konzert gekommen ist?

Auch ich werde ruhiger, lasse meine Eindrücke der ersten Hamburgwoche Revue passieren und genieße diesen geschützten Raum, diese Stille, diese andere Welt, weit abgeschieden von dem, was vor der Tür ist – ein lautes und schrilles Rotlichtviertel.