Vom 08.07.2015 -- Lisa Mathofer
Das Feierabendphänomen

Variante 1

16.55 Uhr. So, was muss ich heute noch erledigen? Die Fotos vom Pressetermin heute Morgen abspeichern. Schnell noch den letzten Satz für den Artikel tippen. Och nö, das Telefon klingelt. „Blabla, jaja, bis morgen, tschüß!“ Das kleine Briefumschlagsymbol von Outlook zeigt mir die Zahl 10 an. Schon wieder neue Mails. Ich hatte doch gerade alle abgearbeitet. Eben durchklicken, schau ich morgen genauer an. Mit der rechten Hand fahre ich den Mauszeiger in Richtung Apfelsymbol, klicke auf „Ausschalten“, mit der linken greife ich nach meiner Jacke. Die Kollegin steckt den Kopf zur Tür herein: „Ich hab hier noch was für Seite 10“. Sie legt einen Zettel auf meinen Schreibtisch. Habe ich im Augenwinkel registriert, lege ich in die Ablage mit dem kleinen Aufkleber „Meldungen“. Ein Blick auf die Uhr: 17.02 Uhr – schnell raus hier.

 

Variante 2

20.45 Uhr. Der Interviewtermin ist vorbei.  Nur schnell die Kamera wegbringen. Kein Licht mehr im Medienhaus, es ist keiner mehr da. Eine neue Notiz auf dem Schreibtisch. Erstmal setzen. Oh, noch ein neuer Zettel. Ich lese ihn komplett durch. Mal eben noch den Schreibtisch aufräumen. Die Textmarker liegen auch alle durcheinander. Ich sortiere sie nach Farben. Ich könnte ja auch noch mal die Mails checken. Fünf ungelesene Nachrichten. Ich öffne sie und sortiere sie eben in Ordner des Mailprogramms. Jetzt gehe ich aber. Ich fahre den Computer herunter. Schiebe den Stuhl ran. Nehme meine Jacke. Vor der Bürotür hängt der Redaktionsplan. Mal schauen, was sich seit heute Mittag geändert hat. Der Artikel auf Seite 12 ist gar nicht schlecht, mal noch querlesen. Ach, auf Seite 16 hat sich auch was geändert. 21.15 Uhr – Ich gehe langsam den Flur entlang. Obwohl keiner mehr da ist, schaue ich kurz durch jede offene Tür in die anderen Büros, bis ich die große Glastür des Medienhauses sanft hinter mir schließe.

Vielleicht ist es die außergewöhnliche Ruhe, die den Unterschied ausmacht. Oder das Machtgefühl, das ganze Haus zumindest für einen Moment für sich ganz alleine zu haben.