Vom 13.07.2015 -- Michael Richmann
Die Bombe tickt
Die beiden Journalisten Nadja Kolte (Lilith Stangenberg) und Fabian Groys (FLorian David Fitz) sind einem Chemie-Skandal auf der Spur (Bild: Martin Menke/FilmPressKit)

Zeige die Bombe. Gibt dem Zuschauer einen Vorsprung, damit er weiß, was gleich passieren wird – noch vor dem Protagonisten. Whoooom!!!

Als der Investigativ-Journalist Fabian Groys (gespielt von Florian David Fitz) und die Volontärin Nadja Kolte (gespielt von Lilith Stangenberg) in "Die Lügen der Sieger" am großen Konferenztisch sitzen und ihre Story verteidigen müssen, ist es bereits zu spät. Der Zuschauer weiß das, und darum möchte ich am liebsten in die Armlehne meines Kinosessels beißen, als Groys seinem Dokumentar das manipulierte Foto als Beweis für seine plausible Recherche unter die Nase hält. Jenes Foto, das ganz plötzlich im Internet aufgetaucht ist und wie durch einen Zufall das letzte Puzzle-Stück für seine Geschichte liefert.

Groys arbeitet für „Die Woche“, einem Magazin, das – nach allem was ich über die Redaktion und deren Arbeitsweise gelesen habe – dem Spiegel nachempfunden ist. Er ist einem Umweltskandal auf der Spur, während die Europäische Union versucht, die Chemie-Industrie an die Leine zu nehmen. Schlechte Presse ist jedoch genau das, was die Mitarbeiter einer ominösen Lobby-Agentur in diesem Moment am wenigsten brauchen. Darum zünden sie eine Nebelkerze.

Eine Geschichte, zu gut, um wahr zu sein

Fabien Groys (Florian David Fitz) grübelt über seiner Geschichte. (Bild: Heimatfilm)Denn Groys untersuchte bis dahin den Umgang der Bundeswehr mit ihren Veteranen, die sie einfach fallen lässt, nachdem sie den Dienst quittiert haben. Kann es also sein, dass die beiden Geschichten zusammenhängen? Kann es sein, dass die Bundeswehr ausgediente Soldaten zu einem Recycling-Unternehmen abschiebt, damit sie sich nicht weiter um die traumatisierten Kameraden kümmern muss?

Dass dieses Recycling-Unternehmen mit Giftmüll hantiert, der schlimme Schäden bei den Mitarbeitern verursacht und die Lobbyisten alles dafür tun, damit die EU die Regeln für diesen Müll trotzdem nicht verschärft, haben die beiden Journalisten dabei längst aus dem Blick verloren.

Recherche ist oft eine Frage von Ressourcen

Ist das realistisch? Leider ja! Zwar bekommen wir schon im Volo eingebläut, dass wir keiner Geschichte trauen dürfen, die zu schön klingt, um wahr zu sein. Aber im Ernst: Welche Redaktion hat schon einen Elliot Higgins, der mit seinen technischen Fähigkeiten jedes noch so gut manipulierte Bild als Fälschung enttarnen kann. Und nur die wenigsten Sender und Verlage leisten sich eine Dokumentationsabteilung, wie etwa der Spiegel oder die New York Times. Dort wird jeder Name, jede Zahl und jeder Gedanke noch einmal überprüft. Und selbst dabei wird nicht jeder Fehler gefunden.

Geschichte wird gemacht
aus den Lügen der Sieger
aber man würd's nicht erkennen
an den Titeln der Bücher.

(Lawrence Ferlinghetti)

Es ist jedoch ein Kardinalfehler, seine Quellen nicht zu checken. Allerdings haben auch viele renommierte Zeitungen den falschen Vornamen des ehemaligen Verteidigungsministers zu Gutenberg gedruckt, obwohl jeder mit drei Klicks herausgefunden hätte, dass der Wikipedia-Eintrag erst kurz zuvor manipuliert wurde. Und wenn das Bild, das im Film angeblich die enge Verbindung zweier Veteranen im Afghanistan-Einsatz vor zwei Jahren belegen soll, erst seit zwei Tagen bei Google gelistet ist, müsste das auffallen. Eigentlich. War Groys also zu naiv?

Investigative Recherche gilt oft als "nice to have"

Volontärin Nadja Kolte (Lilith Stangenberg) lässt sich auf von Rückschlägen nicht von ihrer investigativen Recherche abbringen. (Bild: Martin Menke/FilmPressKit)Natürlich! Sonst wäre er nicht auf die Aktion hereingefallen. Schwer zu sagen, ob ich überhaupt bemerken würde, wenn eine PR-Agentur oder gar ein Geheimdienst meine Recherchen hintertreibt. Ein paar Werkzeuge hat mir das ifp an die Hand gegeben. Zum Beispiel muss jeder Volo eine "große Recherche-Arbeit" schreiben. Das ist eine Art vertraglich fixierter Freibrief, sich vom Redaktionsalltag abzuseilen und sich mal so richtig tief in ein Thema reinzubuddeln. Dabei lernt man viel: Wie plane ich eine Recherche? Woher bekomme ich Informationen? Wie gehe ich mit Menschen um, die mir ihre wertvollen Informationen lieber nicht geben wollen? Der Preisgekrönte Journalist Andreas Unger hat uns da im Volo-Kurs einige gute Tipps mit auf den Weg gegeben.

Auf der Suche nach der Katharsis

Ob das Groys und seiner Geschichte geholfen hätte? Vermutlich nicht. Um einen Geheimdienst gewachsen zu sein, muss man sehr wahrscheinlich mehr drauf haben, als die Bild-Rückwärts-Recherche bei Google bedienen zu können. Und man möge mich einen Toren schelten, aber ich denke nicht, dass sich eine deutsche PR-Agentur in meinen Rechner hackt, um herauszufinden, wie weit ich mit meinen Recherchen bin. Dass sie mir anschließend noch eine Schauspielerin auf den Hals hetzt, die mir die Nebelkerze plausibel erscheinen lässt, erscheint ebenfalls reichlich konstruiert - ich wäre jedoch auch nicht auf die Idee gekommen, mich beim Einwohnermeldeamt nach meinen Informanten zu erkundigen.

Dennoch hat mich dieser Film, so gut er auch ist, einigermaßen ratlos zurückgelassen. Mein Bedürfnis, tatsächlich nur eine Schachfigur auf dem Spielfeld der Macht zu sein, ist ehrlich gesagt ziemlich beschränkt – mal ganz unabhängig davon, dass kleine Lichter wie ich vermutlich nicht mal als Bauer infrage kämen. Aber mit diesem mulmigen Gefühl will ich nicht ins Bett gehen. Darum greif ich nochmal schnell ins DVD-Regal und zieh mir "Die Unbestechlichen" rein. Denn damals war die Welt ja noch in Ordnung.

 

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Kinostart: 18. Juni 2015