Vom 04.07.2017 -- Philipp Adolphs
Deutsch - Journalist / Journalist - Deutsch
Grundwortschatz

Deutsch – Journalist ; Journalist – Deutsch

 

Wenn die Ente im Mantel einen Zwiebelfisch trifft, hat der CvD nicht aufgepasst. Und wenn der Desker eine Briefmarke mit Aufsteller neben einem verwitweten Hurenkind findet, hat der gut aufgepasst. Aber jetzt mal unter drei: Solange wir den Küchenzuruf, die Sperrfrist und die Giftliste beachten, kann uns Seitenbauern doch nichts passieren, oder? Bevor wir in eine Bleiwüste geraten, killen wir lieber unsere Darlings und bauen uns noch nen kleinen Kasten.

 

Alles klar?

 

 

JOURNALISTEN-SLANG

 

 

Abfeiern; Schieben

 

Ein Thema, das gemacht werden muss, kann endlich „abgefeiert“ werden, wenn sich zufällig Platz in der Zeitung auftut. Dann ist man es los. Sonst muss man es noch ein paar Tage „schieben“.

 

 

Aufhänger, zuspitzen, weiterdrehen

 

Aktueller Anlass bzw. Grund, um ein Thema zu bringen, das ansonsten weitgehend zeitlos wäre. Z.B. Kann man zu Weihnachten zwar etwas über den Riesling schreiben, man kann aber auch warten, bis die Weinkönigin gewählt ist und alle Informationen gebündelt und hübsch aufbereiten. Wenn die Weinkönigin eine Geflüchtete aus Syrien ist, kann man das Thema nochmal „zuspitzen“; wenn die Trauben für den Riesling auf dem Feld zwei Monate später von einer Laus befallen wird, kann man das Thema „weiterdrehen“ und sich ihm von einer anderen Seite nähern.

 

 

Aufsteller

 

Aufsteller sind Bilder, für die sich Menschengruppen vor dem Fotografen aufstellen. Es ist fast immer gestellt. Da es zu viele Fotos dieser Art gibt, gilt es inzwischen als eher verpöhnt, sich kein kreativeres Motiv zum Text auszudenken. Manchmal muss es aber eben sein: Wenn der neue Vorstand gewählt wurde, wird es schwierig, die 12 Personen in action zu inszenieren und man dennoch ihre Gesichter erkennen kann.

 

 

B2B

 

Business-to-Business-Kommunikation. Gehört eher in den PR-Bereich (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit / Public relations). Da wollen Schrauben-Hersteller vielleicht einen pfiffigen Werbetext und Unternehmens-News an Auto-Hersteller schicken.

 

 

Bein

 

Spalte.

 

 

Bleiwüste

 

Viel zu viel Text auf einer Seite und wenige Bilder (siehe z.B. Neue Züricher Zeitung).

 

 

Briefmarke

 

Mega kleines Bild, auf dem man nichts mehr erkennen kann.

 

 

Brottext

 

Da viele SchreiberInnen nach Anzahl der Zeilen entschädigt werden, bilden eben jene Zeilen den Brottext, also den Text, von dem sie sich ihre Brötchen kaufen können. Überschriften und Vorspann kommen in der Regel nicht aus der Feder der SchreiberInnen (zumindest werden sie selten dafür bezahlt). Gemeint ist mit dem Brottext also nur der eigentliche Fließtext des Artikels.

 

 

CvD

 

Chef vom Dienst“ muss nicht unbedingt die Chefredakteurin sein. Meistens wechselt dieser Titel unter den RedakteurInnen je nach Dienstplan. Der CvD ist für einen gewissen Zeitraum (Stunden bis Jahre) verantwortlich für einen bestimmten oder den kompletten Bereich der Produktion journalistischer Inhalte bis zur Veröffentlichung.

 

 

Ente

 

Falschinformation/-meldung, die aus Versehen (vs. vorsätzlicher Fake-News) irgendwie in die Zeitung geraten ist und völligen Quatsch enthält.

 

 

Giftliste

 

Hat man es sich mit einem Politiker, Promi oder Papst verscherzt, kann es sein, dass der mit einer Klage gegen das Medienhaus vorgeht. Häufig wird der Verlag von den Anwälten falsch |dargestellter Personen gebeten, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben. Das kann so aussehen, dass die Boulevardzeitung in Zukunft nicht mehr schreiben darf, die Brüste der Sängerin XY seien das Werk von Chirurgen. Oder ein Satiriker darf ein Schmähgedicht über einen türkischen Politiker nicht mehr im Fernsehen vorlesen. Diese Behauptungen werden zur Vorsicht von den Medienhäusern auf eine Giftliste, die zugänglich für alle SchreiberInnen sein sollte, gesetzt. Denn bei Zuwiderhandlung drohen sehr empfindliche Geldstrafen.

 

 

Hurenkind, Schusterjunge, Witwe

 

Wenn das „Bein“, also die Spalte eines Zeitungsartikels ins nächste umbricht, aber vorher noch ein neuer Absatz in der letzten Zeile beginnt, spricht man bei dieser alleinstehenden Zeile von einem „Schusterjungen“ (der arbeitet meist nah am Boden). Liegt die alleinstehende Zeile des letzten Absatzes schon oben im nächsten Bein, spricht man von einem „Hurenkind“. Besteht die letzte Zeile eines Absatzes nur aus einer Silbe oder einem kurzen Wort, ist das eine „Witwe“.

 

 

Illustration

 

Ein Bild, das nicht direkt zum beschriebenen Sachverhalt gehört: Das Blaulicht auf dem Dach eines Polizeiwagens begegnet dem geneigten Online-Leser ziemlich häufig. Aufgrund von Layout-Anforderungen der Webseiten ist es besser, so ein Bild für den Text über eine Strafttat zu verwenden, als gar keines. Auch in Printmedien kann das vorkommen. Prinzipiell sollte man versuchen, eine möglichst konkrete „Illu“ zu finden. Ein Text über die Wahl in Frankreich kommt immer noch besser mit einem Bild von Macron und Le Pen daher, als einfach mit einer französischen Flagge.

 

 

Kill your darlings

 

Die Texte anderer zur kürzen, macht Spaß. Bei den eigenen fällt es umso schwerer. „Kill your darlings“ heißt die Devise – auch von Sätzen, die man wichtig oder schön findet, muss man sich trennen können, wenn der Platz nicht reicht. Und auch online, wo man zwar unbegrenzt Platz hat, gilt: Kürzen geht immer, und es wird fast immer besser und pointierter für die ungeduldigen LeserInnen dieser Tage.

 

Küchenzuruf

 

Bevor man an ein Thema rangeht, aber auch nachdem der Artikel geschrieben ist und man nach einer Überschrift / Vorspann suchst, sollte man fragen: Worum geht es in dem Text eigentlich? Um das herauszufinden, versuch mal, aus der Küche heraus Deiner Mitbewohnerin im Bad zuzurufen, was Du gerade in der Zeitung gelesen hast: „Trump scheißt auf’s Klima!!“, „Merkel holt auf!!“, „Vor dem Theater war ein fetter Flashmob!!“. Diese Technik zwingt Dich zur Reduktion auf das für Dich Wesentliche – was oft deckungsgleich mit der eigentlichen Nachricht ist, die man in einem eigenen Artikel schließlich rüberbringen sollte (am besten bereits im ersten Satz, dem „Leadsatz“)

 

 

Mantel, Buch, Kopf

 

Eine Printzeitung besteht aus mehreren „Büchern“. Die kann man auseinanderpflücken und nebeneinanderlegen. Die meist 8 Seiten eines Buches müssen nicht zwingend zusammenhängen. Das Ressort zum Sport kann beispielsweise auf der Rückseite des ersten Buches beginnen und auf der ersten Seite des zweiten Buches weitergehen. Dabei ist das Wort „Sport“ oben über den Seiten übrigens der „Kopf“ der Seite. Das erste Buch einer Zeitung heißt Mantel, da es alle anderen Bücher umfasst.

 

 

Pflichttermin

 

Alle Jahre wieder lädt Verein XY zum Sommerfest ein oder stellt seinen Haushaltsplan vor. Weil die Bürgermeisterin dabei ist, muss man auf lokaler Ebene darüber berichten, auch wenn inhaltlich nichts Spannendes dabei herumzukommen scheint. Eine solche Pflicht gebietet der Dokumentationsauftrag von Zeitungen, die angehalten sind, das politische Leben ihrer Zeit für die Nachwelt festzuhalten. Die Entscheidung darüber, was so wichtig ist, dass es dokumentiert werden muss, liegt allerdings in der Redaktion.

 

 

SEO

 

Search-Engine-Optimization (Suchmaschinenoptimierung). Onlinemedien werden besser gefunden, wenn man sie mit bezeichnenden Tags (Stichworten) versieht, geschickt verlinkt, platziert und in sozialen Medien teilt. SEO ist eine kleine Wissenschaft für sich und steht inzwischen unter fast jeder Stellenausschreibung als Anforderung an Bewerber.

 

 

Sperrfrist

 

Manche Unternehmen und Behörden wollen, dass bestimmte Informationen nicht vor einem festgelegten Datum veröffentlicht werden. Trotzdem senden sie vorab eine Pressemitteilung mit dem Vermerk „Sperrfrist: Mittwoch 16:00 Uhr“, damit die Redaktionen besser planen können. Vor Preisverleihungen können Medien auf diese Weise schon einmal zu den Gewinnern recherchieren, die bereits feststehen, aber nicht öffentlich gemacht worden sind. So kann man direkt um 16:01 Uhr einen fertigen Text „raushauen“, nachdem man sich versichert hat, dass alles wie geplant über die Bühne gegangen ist. Sperrfristen sind nicht rechtlich verbindlich – man sollte sich aber gut überlegen, mit wem und zu welchem Preis man es sich verscherzen will. Die taz schreibt: Tatsächlich hat der Presserat hierzulande zwar vor Jahren einen Passus, der das Einhalten von Sperrfristen empfahl, aus seinem Kodex gestrichen, doch das Instrument funktioniert weiterhin.

 

 

Unter Drei

 

Nachdem Politiker in ihrer Pressekonferenz nichts Neues oder gar Skandalöses mehr auspacken wollen, geben sie im Hintergrundgespräch später „unter drei“ vertraulichere Informationen und Einschätzungen preis. Journalisten dürfen diese Gespräche nicht zitieren, aber das Wissen daraus für weitere Recherchen verwenden.

 

 

Zwiebelfisch

 

Einzelnes Wort oder Buchstabe mit falscher Schriftart.

 

 

 

 

Weitere Informationen zum Jargon der Journalisten findet Ihr im Glossar auf schuelerzeitung.de oder auf Journalistikon.de 

 

*Bei Wünschen und Anregungen nehme ich gerne neue Begriffe in diesen Text auf, z.B. "Srcapen" :D.