Vom 20.10.2014 -- Philipp Rudolf
Social Media ohne Internet: Die Hotline zum ZDF-Gottesdienst
Oranges Telefon

Das ZDF überträgt gerade die Fürbitten im Münchner Liebfrauendom, da klingeln in Freiburg schon die Telefone. „Nein, das Vaterunser können wir nicht ändern, das wäre ja ein riesiger Aufwand. Denken Sie an die ganzen Sprachen, in denen man es übersetzen müsste“, erklärt eine Caritas-Mitarbeiterin. „Ein Autogramm von Kardinal Marx können Sie haben, ich leite das gerne weiter“, sagt die andere Kollegin.

Ich stehe an diesem Sonntagmorgen in einem Büro der Caritas-Zentrale in Freiburg und soll über die Telefonhotline zum Gottesdienst berichten. Erschwerte Bedingungen: Ich kann die Anrufer nicht hören. Um was es geht, erschließe ich mir vor allem aus den Antworten meiner Kollegen. Auch schwierig: Die telefonieren meistens gleichzeitig. Legt einer auf, klingelt es schon wieder.

350 Anrufer zählt die Caritas in Freiburg und München an diesem Sonntag. Überwiegend ältere Frauen teilen ihre Eindrücke, kommentieren und stellen Fragen. Der Telefondienst als Live-Chat zum Gottesdienst: Social Media ohne Internet.

Vor allem das Thema des Gottesdienstes beschäftigt sie. Es ist das Motto der Caritas-Kampagne „Weit weg ist näher, als du denkst“. Es geht um Solidarität mit armen Ländern. In München lesen Flüchtlinge Fürbitten, ein Kreuz aus den Planken eines Flüchtlingsbootes soll die weltweite Fluchtkatastrophe symbolisieren.

Die Kollegen werden nachdenklich

Viele Anrufer finden das gut: „Ja, das präsentierte Holzkreuz aus Lampedusa ging sehr zu Herzen“. Eine 90-Jährige fordert Infomaterial, um sich weiter in das Thema einzulesen. Aber auch Kritik gibt es. Aus den Antworten höre ich die Angst vor Fremden heraus: „Es geht nicht um Muslime, es geht um Menschen“ oder „Natürlich hat es immer schon Völkerwanderungen gegeben, aber wir können die Flüchtlinge doch nicht einfach im Stich lassen“, erklären meine Kollegen.

Nach einer Stunde wird es ruhiger im Büro. Einige Anrufer wollen über ihre Probleme reden. Die Antworten werden kürzer, meine Kollegen hören vor allem zu und vermitteln an Beratungsstellen der Caritas. Am Ende dieser Gespräche höre ich Sätze wie: „Ich wünsche Ihnen, dass sich Ihre Kinder bald wieder vertragen“ und „Machen Sie sich wegen ihrer Scheidung mal keine Sorgen, wichtiger ist jetzt, dass sie bald Arbeit und eine Wohnung finden“.

Gegen 12 Uhr ebben die Anrufe langsam ab, die Leitungen sind noch bis 16 Uhr offen. Die Kollegen sind erschöpft von den vielen Gesprächen und nachdenklich von den Schicksalsschlägen mancher Anrufer. Auch ich. Social Media per Telefon kann ganz schön fordernd sein.

 

Spot zur Caritas-Kampagne "Weit weg ist näher, als du denkst", die auch Thema des Gottesdienstes war.

 

Der TV-Spot zur Caritaskampagne 2014 zeigt, wie sich unser Handeln auf das Leben von Menschen auswirkt.