Vom 16.05.2017 -- Christoph Koitka
Eine Nacht in Hamburg
Hier ist normalerweise ein Bild von einem Buch 乁(ツ)ㄏ

Der rote Teppich führt die schicken Schuhe bis zum ersten Kontrollpunkt. Dresscode: Schwarzer Anzug / Cocktailkleid hieß es in der Einladung. Und dass man sich auf einen schönen Abend mit uns freue. Nett. Die Medienprominenz möchte keine studentisch anmutenden Jeans- und Sneaker-Gestalten sehen. Ich habe kein Cocktailkleid, also muss es der Anzug richten. Der Kollege hat nachgefragt, Sakko und Bügelfaltenhose dürfen auch nur normal dunkel sein. Trotzdem bin ich mit meinem nachtblauen Aufzug und den drei Taschen, die mich eher nach Pfandsammler als nach Reisejournalist aussehen lassen, ein bisschen aufgeregt. Die Einladung habe ich extra in die Innentasche des Sakkos gestopft, um sie lässig hervorziehen zu können. Eine Plastiktüte muss ich dafür kurz mit den Zähnen halten. Die Eintrittskarte ist knittrig und nach 6 Stunden ICE sehr warm. Lässig ist anders. Ich komme trotzdem rein.

Die Garderobe ist im Keller. Steinstufen, Spiegel an den Wänden. Platz genug für eine Bundes-Kegelbahn. Ich bekomme vier Garderobenmarken, eine für die Jacke und drei für mein Gepäck. Ich stopfe sie zu der Einladung in die Innentasche des Sakkos, um sie später lässig hervorziehen zu können. Dann noch ein Selfie vorm Klospiegel.  Zurück vom Keller in den Flur. Der Flur hat eine Bar. Wir denken zunächst, dass hier die Party stattfindet. Chic genug ist es allemal. Wer braucht noch einen Flur, wenn es eine Garderobe im Keller gibt?! Es gibt Wein von Tabletts. Der Saal mit dem Buffet ist noch gesperrt: Im Obergeschoss werden noch Preise verliehen.  Außer uns sind noch andere Leute da. Man bleibt unter sich. Dann werden die Schleusen geöffnet. Leute überall. Und endlich, endlich was zu essen. Fast schon unverschämt gut.

Wir sind froh, dass wir nicht die einzigen sind, die aus Bayern in den hohen Norden gereist sind. Frau Ramelsberger von der SZ ist als Jury-Mitglied da, wir kennen sie schon vom ifp. Sie ist froh, dass wir ihr unauffällig noch einmal sagen, woher sie uns kennt. Außerdem wirklich froh, dass es eine Vorjury gibt – „anders als bei anderen Preisen!“ Wir nicken verständnisvoll. Irgendwann ist der nächste Gin Tonic tatsächlich der letzte. Über den roten Teppich zurück zur Garderobe, Marken werden zu Jacken und Taschen, Partygäste zu Packeseln an der Straße. Hier könnte der Luxus vorbei sein. Aber es gibt noch einen versöhnlichen Abschluss vor dem Nachtzug: Einen gecharterten Chauffeur zum Bahnhof. Um diese Uhrzeit fast mehr wert als ein Nannen-Preis.